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Tiere haben ein Recht auf ein Zuhause - ohne gefährlichen Kunststoffmüll

 „Plastik ist schön, Plastik ist praktisch, Plastik ist praktisch überall.“ So beginnt Werner Bootes Trailer zu seinem Film „Plastic Planet“, der uns eindringlich vor Augen führt, was so leicht zu verdrängen ist: Plastik ist tatsächlich überall. Lassen wir nur einmal eben unseren Blick durch unsere Wohnzimmer schweifen, so finden wir dafür schnell die Bestätigung. Nur die Tatsache, dass unser wohl sortierter Müll Woche für Woche vor unserem Haus abgeholt wird, macht es möglich, dass wir weiter konsumieren, ohne wirklich zu wissen, was mit all den Müllsäcken eigentlich geschieht.

Weltweit werden pro Jahr etwa 260 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt. Bei der Weiterverarbeitung zu all den schönen Dingen, die wir im Laden kaufen können, kommen etwa 100.000 verschiedene Chemikalien zum Einsatz, deren Wirkung auf Mensch und Umwelt nur ansatzweise erforscht ist. Diese so genannten Plastik-Additive sind noch dazu im Produkt nicht fest gebunden, sondern werden über die gesamte Lebensdauer des Produktes abgegeben. Ein einziger PVC-Duschvorhang ist in der Lage, die Werte für 108 toxische Chemikalien in der Raumluft innerhalb von 28 Tagen auf das 16-fache des Grenzwertes zu treiben.

Aber nicht nur in unseren eigenen vier Wänden finden sich eine Menge Kunststoffartikel, auch der Lebensraum vieler wildlebender Tiere ist inzwischen von Plastik durchdrungen. 60-mal soviel Plastikpartikel wie Plankton schwimmen nach Schätzungen inzwischen im Meer. Allein die Nordsee muss jedes Jahr etwa 20.000 Tonnen Plastikmüll schlucken.

Auch etwa 4 % der Mineralölförderung, die weiteren Lebensraum der Tiere zerstört, gehen auf die Rechnung der Kunststoffindustrie. Unterwasserlärm, wie etwa durch Ölbohrungen verursacht, führt mittlerweile außerdem zu Massenstrandungen von Walen, die durch den Lärmstress die Orientierung verlieren.

Man muss es sich noch einmal vor Augen führen: 260 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr, unter anderem für die Produktion von Plastiktüten, Einmalverpackungen für Lebensmittel und Gehäuse für Elektrogeräte, die alsbald auf dem Müllberg landen, weil das neueste Modell schon in den Schaufenstern steht. Müssten wir all unseren Müll im eigenen Garten verstauen, wir würden unser Einkaufsverhalten sehr rasch ändern.

Die Tiere jedoch haben nicht frei gewählt, ob sie unseren Müll schlucken wollen. Die hormonähnlich wirkenden Plastik-Additive, wie Bisphenol-A und verschiedene Weichmacher, die sich an Staubpartikel binden und so selbst in weit entlegene Gebiete transportiert werden, stören die Fruchtbarkeit vieler Seevögel und Wassertiere – selbst die Eisbären sind von diesen hormonellen Veränderungen betroffen. Das weltweite Artensterben wird so noch schneller vorangetrieben.

Albatrosse verfüttern Plastikteile an ihre Jungen, bis zu 300 Plastikteile finden sich in den Mägen verendeter Küken. Die Lederschildkröte verwechselt auf der Meeresoberfläche treibende Plastiktüte mit Quallen, frisst sie und stirbt qualvoll an Darmverschluss. In den Mägen verstorbener Eissturmvögel fanden sich im Durchschnitt 44 Plastikteilchen pro Tier. Die Liste der durch Plastikteile und Plastik-Chemikalien geschädigten Tiere ist lang und ihr Tod qualvoll. Etwa ein Drittel der Albatross-Jungvögel verendet jedes Jahr am Plastikmüll.

Der Fund einer noch ungeöffneten Gesichtscremedose in einem Vogelmagen zeichnet ein trauriges Bild unserer Wegwerfgesellschaft. Haben wir sie wirklich so dringend gebraucht, die letzte Gesichtscreme, die uns unser Kosmetiker „aufgeschwätzt“ hat? Oder die letzte Plastiktüte, in die wir unsere Einkäufe gestopft haben, und die 500 Jahre nach uns noch ihr Unwesen auf diesem Planeten treiben wird?

Der Ruf nach mehr Recycling allein wird dem Problem nicht gerecht werden. Die meisten Kunststoffverpackungen eignen sich nur schlecht zum Recycling, weil zu viele Materialien vermischt werden. Für Mensch und Tier ist der Cocktail aus verschiedenen Plastikadditiven, die sich durch das Recycling im daraus entstandenen Produkt finden, nicht minder gesundheitsgefährlich. Industrie und Politik stellen sich taub: 138 öffentlich finanzierte Studien belegen schwere gesundheitliche Schäden durch Bisphenol A, bei den 11 industriell gesponserten Studien wurde in keiner einzigen eine Gesundheitsgefahr nachgewiesen. Dennoch stützen sich die EFSA und die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA ausschließlich auf diese wenigen, von der Industrie finanzierten Ergebnisse.

Auch lässt sich das Material nicht einfach eins zu eins recyceln, sondern verliert mit jeder Runde stark an Qualität. Aus einer PET-Flasche wird nicht eine neue, gleichwertige PET- Flasche. Stattdessen wird sie nach China verschifft, dort geschreddert und zu Polyester verarbeitet und landet so als Fleecepulli wieder in unseren Geschäften: Downcycling ist der neue Begriff dafür. An die guten Recyclingquoten von Glas und Papier (in Deutschland) reicht die Quote des Kunststoffrecyclings nicht heran. Wir produzieren einfach zuviel von dem problematischen Material. Wenn wir der Lederschildkröte oder dem Albatross wirklich helfen wollen, kommen wir an dem etwas unbeliebten Thema der drastischen Müllvermeidung nicht mehr länger vorbei.

 

Literaturverzeichnis und Links:

 

 

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